Praxis ohne Wissen kann trotzdem ohne Richtung bleiben

„Wer sich in die Praxis ohne Wissen verliebt, gleicht einem Seemann, der ohne Ruder und Kompass an Bord geht und nie sicher sein kann, wohin er fährt.“ — Leonardo da Vinci

Leonardo wertet Praxis nicht ab. Seine Notizen verbinden immer wieder Beobachtung, Experiment, Handwerk und Theorie. Die Warnung richtet sich gegen Handeln ohne Orientierung: Man kann äußerst beschäftigt sein und trotzdem keinen verlässlichen Maßstab dafür haben, ob die Arbeit in die richtige Richtung führt.

Das Bild des Seemanns funktioniert, weil Bewegung nicht dasselbe ist wie Fortschritt. Ein Schiff kann schnell fahren und die Mannschaft pausenlos arbeiten; ohne Ruder oder Kompass bringt die Geschwindigkeit sie womöglich nur schneller vom Ziel weg. Dasselbe Muster gibt es in Arbeit, Lernen, Sport und Unternehmen.

Praxis liefert Material: Fehler, Wiederholung, Können und Kontakt mit der Wirklichkeit. Wissen liefert Struktur: warum eine Methode funktioniert, wo ihre Grenzen liegen, was gemessen werden sollte und wann ein Kurswechsel nötig ist. Am stärksten lernen wir, wenn beide Seiten einander korrigieren.

Die Pointe ist schlicht: Man kann sehr viel tun und trotzdem in die falsche Richtung gehen. Mehr Einsatz ist nicht immer die fehlende Zutat. Manchmal ist der produktivste Schritt, kurz anzuhalten, die Karte zu prüfen und erst dann wieder Tempo aufzunehmen.

Quelle: The Notebooks of Leonardo da Vinci, Part I, item 19 (Richter translation). Necessity of theoretical knowledge, item 19; exact first sentence in the Richter translation.