Wir leiden häufiger in unserer Vorstellung als in der Wirklichkeit — Seneca
Der Gedanke stammt aus Senecas dreizehntem Brief an Lucilius. Im lateinischen Original heißt es: saepius opinione quam re laboramus.
Seneca behauptet damit nicht, dass echtes Leid nur eingebildet sei. Sein Argument ist differenzierter: Menschen fügen einem möglichen oder tatsächlichen Problem häufig zusätzliches Leid hinzu, indem sie dessen schlimmste Folgen bereits im Voraus erleben.
Wir führen schwierige Gespräche im Kopf, bevor sie stattfinden. Wir erleben eine Niederlage, bevor wir überhaupt gehandelt haben. Wir erwarten Ablehnung, obwohl noch niemand Nein gesagt hat. Manche Befürchtungen werden tatsächlich Realität. Doch bis dahin haben wir dasselbe Ereignis möglicherweise bereits viele Male durchlebt.
Die stoische Praxis verlangt deshalb eine klare Unterscheidung zwischen Tatsache und Vorstellung. Eine Tatsache könnte sein: Morgen steht ein wichtiges Gespräch an. Eine Vorstellung lautet: Ich werde etwas Falsches sagen, einen schlechten Eindruck machen, meine Chance verlieren und alles bereuen. Nur der erste Satz beschreibt die gegenwärtige Wirklichkeit.
Das bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren. Wir dürfen uns vorbereiten, mögliche Probleme durchdenken und Alternativen planen. Vorbereitung führt jedoch zu Handlung. Angst führt häufig nur dazu, dass derselbe negative Film immer wieder abgespielt wird.
Senecas Gedanke bleibt deshalb praktisch: Was weiß ich wirklich? Was nehme ich nur an? Und was kann ich heute konkret tun?
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